Der Sokratische Dialog

Erinnerst du dich noch an den Newsletter: „STIMMIG-FRAGEN statt STIMMIG-LEBEN!“


Es ist schon sehr lange her...es war im Zeitalter vor „Corona“! Da habe ich meinen Leser*innen versprochen, bald ein Beispiel für den Sokratischen Dialog zu bringen.


Nun, was kann uns der Sokratische Dialog in der heutigen Zeit interessieren?


Als Philosoph im antiken Griechenland kann Sokrates (*469 v. Chr; † 399 v. Chr.) als Urvater des modernen Coachings bezeichnet werden. Er war es, der durch Fragen konsequent den Dingen auf den Grund ging und dadurch seine Gesprächspartner*innen zu neuen Denkmustern und Annahmen anregte. Sokrates ging es nicht darum, seine Zeitgenossen zu belehren oder von seinen Ideen zu überzeugen. Er hatte eine non-direktive Haltung. Er stellte sich nicht-wissend und regte mit seinen Fragen zum radikalen Überdenken von Annahmen und Glaubenssätzen an. Er nannte diese Methode, durch Fragen Entwicklung anzuregen: Mäeutik. Auf Deutsch: Hebammenkunst. Der Fragende wird bei dieser Methode zum Geburtshelfer für die neuen Erkenntnisse und Einstellungen des Befragten, die dieser durch die angeregte Selbstreflektion selbstständig erschafft, bzw. „auf die Welt bringt“.


Insgesamt ist diese Methode eine hochkomplexe Kunst, die man in Coaching- und Therapieausbildungen jahrelang vertiefend kennenlernt und übt. Weise angewendet, kann sie bei den Befragten zu tiefgreifenden neuen Einsichten und damit zu neuen Möglichkeiten in der Lebensgestaltung und zur emotionalen Verarbeitung von Erlebtem führen.


Dieses Jahr mit den vielen Einschränkungen kann die Gelegenheit sein, dir in Ruhe folgende Überlegungen zu gönnen:


Hier ein ganz einfaches Beispiel zum Thema Kreativität und Musizieren:

Ludmilla hat einen14-jährigen Sohn (Jo), der mit dem Geigenspielen aufhören will. Sie ist verzweifelt weil sie fürchtet, dass ihr Sohn dann keine Möglichkeit mehr hat, seine kreativen Seiten auszuleben. In letzter Zeit streiten sie deshalb sehr heftig.


Sokrates: Was wünscht du dir?


Ludmilla: Dass Jo weiterhin Geige lernt. Damit er etwas Kreatives tut.


Sokrates: Was meinst du genau mit kreativ?


Ludmilla: Kreativ ist man dann, wenn man etwas Schöpferisches und Neues gestaltet! Musik machen ist doch kreativ!


Sokrates: Was daran ist genau kreativ?


Ludmilla: Hmm, halt üben und spielen...miteinander spielen...neue Komponisten kennen lernen...


Sokrates: Also beim Üben: was macht er da genau Kreatives?


Ludmilla: Tonleiter spielen, mit verschiedenen Strichen und Tempi. Da muss er darauf achten, dass es regelmäßig ist, dass er eine gute Körper-Haltung hat, dass es rein ist....


Sokrates: Und was ist daran schöpferisch und neu, also kreativ?


Ludmilla: Die Tonleiter ist vielleicht in dem Sinn nicht kreativ, das stimmt, denn die übt er schon sehr lange auf die selbe Art und Weise. Aber er übt derzeit auch ein Solokonzert von W. A. Mozart und den Csárdás von V. Monti.


Sokrates: Was tut er da Kreatives?


Ludmilla: Er muss zuerst den Notentext einüben mit den richtigen Fingersätzen und Bogenstrichen. Dann konzentriert er sich auf das Tempo, die Dynamik und den Stil.


Sokrates: Was ist daran kreativ, inwiefern ist er da schöpferisch und gestaltet etwas neu? Wer gibt die Dynamik vor? Wer den Stil?


Ludmilla: Die Dynamik und den Stil bekommt er von seinem Lehrer. Der ist ein hervorragender Musiker. ...Nun ja, so richtig kreativ wird es erst, wenn er es im nächsten Semester gut kann und mit Klavier oder vielleicht sogar mit dem Jugendorchester spielen darf.


Sokrates: Und was wäre dann kreativ?


Ludmilla: Aufeinander hören, miteinander an den musikalischen und rhythmischen Feinheiten arbeiten...


Sokrates: Dann könnte er Neues schaffen und gestalten?


Ludmilla: Nun ja, in einem gewissen Rahmen. Natürlich würden der Dirigent und der Pianist wissen, wie das Zusammenspiel sein muss. Erst in ein paar Jahren, wenn er richtig gut ist, wird er wirklich neue und kreative Interpretationen machen dürfen.


Sokrates: Aha. Wo bleibt also da die Kreativität in deiner eingangs gegebenen Definition beim derzeitigen Geigenspiel?

Doch nun zu einer anderen Frage. Was macht denn dein Sohn so richtig gern?


Ludmilla: Volleyball spielen.


Sokrates: Was könnte daran kreativ sein?


Ludmilla: Im Training werden zu Beginn Übungen für die körperliche Fitness gemacht und spezielle Techniken fürs Volleyballspiel geübt. Das ist auch nicht sehr kreativ. Aber anschließend spielen sie in Mannschaften zusammen! Das Mannschaftsspiel hat was sehr Kreatives. Jedes Spiel ist ganz anders und die Position auf dem Spielfeld wird laufend gewechselt: So muss sich jeder einzelne Spieler ständig auf was Neues einstellen und in jedem Moment anders und vor allem so kreativ reagieren, dass es die andere Mannschaft nicht erwartet


Sokrates: D. h. dein Sohn darf bei jedem Training kreative Spielmöglichkeiten ausprobieren?


Ludmilla: Ja, muss er sogar, wenn er ein guter Spieler sein möchte. Und das will er ja.


Sokrates: Wie kommst du also darauf, dass das einzig Kreative, was Jo macht, Geigenspielen sein kann?


Ludmilla: Nun ja, ich sehe schon. Derzeitig ist der Volleyball tatsächlich kreativer. Das liegt wohl auch an seiner Trainerin, die das Training sehr vielfältig aufbaut und die Jungs motiviert, selbst kreative Spielmöglichkeiten zu entwickeln. Und ja, sein derzeitiger Geigenlehrer ist eben "old-school". Sein Unterricht ist tatsächlich sehr monoton und autoritär. Methoden, die die Schüler anregen würden, kreativ mit den Übungen und den Stücken umzugehen, sind nicht in seinem Unterrichtsrepertoire.


Sokrates: Was glaubst du jetzt in Bezug auf die Kreativität und das Geigenspiel für deinen Sohn?


Ludmilla: Es ist tatsächlich so, dass ich gar keine Angst haben muss, dass Jo dann nichts mehr Kreatives macht, wenn er Geige aufhört! Mit dem Volleyball hat er etwas für seine Kreativität! Aber ich werde mit Jo reden, ob er vielleicht den Geigenlehrer wechseln möchte? Vielleicht gibt es da ja jemanden, der den Unterricht auch kreativer gestaltet. Und wenn nicht, dann ist es auch gut. Ich sehe jetzt den Volleyball von Jo ganz anders! Ich verstehe jetzt auch, warum er so gern zum Volleyball-Training geht!


Ich hoffe, ich kann dir mit diesem kleinen und sehr einfachen Beispiel aus dem heutigen Alltag einen kleinen Gusto auf einen Sokratischen Dialog geben!


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