Die Krone richten
- Angela Büche

- 27. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Jedem sein Marathon!
Liebe Leserin, Lieber Leser,
Wir sind an einem Tango-Marathon in Wien. Ein Mann hat mir eben erzählt, welche sportlichen Höchstleistungen er früher vollbracht hat. Er ist Marathons und vieles mehr gelaufen, bis es ihm durch einen schweren Unfall nicht mehr möglich war, Sport auf diesem Niveau auszuüben. Als Alternative fing er an, Tango Argentino zu tanzen. Inzwischen ist er ein sehr guter Tänzer.
Nachdem er mir seine Geschichte erzählt hatte, antwortete ich ihm, dass es ja wohl Schlimmeres gäbe, als auf so hohem Niveau Tango Argentino tanzen zu können! Er lacht. Ja, dieser Unfall habe ihn gelehrt, sich wieder auf musische Themen zu fokussieren, die ihm als Kind wichtig waren. „Und das ist gut so“, sagt er.
„Und du, was kannst du erzählen?“
Ich überlege. Einen Moment lang fühle ich Traurigkeit in meinem Herzen für all die Dinge, für die mir in meinem Leben die Ressourcen gefehlt haben.
Auf Basis meines momentanen beruflichen „Marathons“, von dem ich diesem Mann berichtet habe, könnte man meinen, dass ich früher auch sportliche Höchstleistungen vollbracht habe und dahingehend etwas zu erzählen hätte: Nein, ich kann nicht von sportlichen Höchstleistungen erzählen!
Denken tu ich: Meine Marathons waren die täglichen Herausforderungen: auch nach Nächten, in denen ich kaum geschlafen hatte, gut für meine vier Kinder und meine Arbeit als Cellistin da zu sein.
Ich antworte diesem Tangotänzer: „Ich habe vier Kinder auf die Welt gebracht, sie aufgezogen und ins Leben begleitet – und gleichzeitig immer gearbeitet und mich weitergebildet: Das war mein Marathon!" Ich schaue in erstaunte Augen. Er hat wohl etwas anderes erwartet. Eine besonders schöne Musik erklingt. Ich stehe auf und gehe tanzen. Liebe Leserin, lieber Leser, ich habe viele Menschen im Coaching, die das Gefühl haben, sie hätten nichts erreicht. Das sind oft sehr fähige, kompetente und besonders erfolgreiche Menschen. Wir leben alle unsere Herausforderungen. Jeder bewältigt sie auf die eine oder andere Art und Weise. Oft vergleichen wir uns und haben dann das Gefühl, dass wir weniger als andere Menschen bewältigt und geschafft haben. Aber wenn wir genau hinschauen, sehen wir unsere eigenen Kostbarkeiten und verstehen, dass nicht das eine mehr wert ist als das andere. Wir erkennen, dass wir uns für etwas entschieden haben, das uns wichtig ist – und dafür alles gegeben haben und ein bisschen mehr, als uns möglich war. Dafür hat es keine Ressourcen für andere Lebensthemen gegeben, die wir nun an anderen Menschen wahrnehmen.
Wir leben in einer Welt, in der gewisse Dinge noch immer weniger wertgeschätzt werden als andere. Aber was mir noch wichtiger erscheint, ist, dass wir selbst gewissen Dingen mehr Wert zuschreiben als anderen!
Und der Weg des Königs und der Königin beginnt dort, wo jeder selbst für sein Leben und seine Verantwortungsfelder seine Krone richtet und Tag für Tag in seinem Lebensfeld sein Bestes der Welt schenkt und würdigt.
In diesem Sinn wünsche ich dir, dass du nicht vergisst, dir täglich in aller Stille deine Krone zu richten.
Herzlich Angela Büche
Bild: Veronika Korchak beim Vienna Calling Marathon Danke an die Fotografin und den Tangotänzer für das Bild! |




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