Distance-Learning 2: Lernerfahrung in der Kommunikation?

Was geht gut und was geht nicht gut im Distance-Learning?


Siehe zuerst Einführung in Blog Distance-Learning 1. Dort beschreibe ich die notwendige Trennung zwischen berufspolitischen Aspekten und der tatsächlichen Gestaltung von Distance-Learning.


Zuerst möchte ich darauf hinweisen, dass einige Faktoren instrumentenspezifisch sehr unterschiedlich sind. So ist es für Geiger*innen schwieriger als für Cellist*innen, den durch die (oft schlechte) Technik übertragenen Instrumententon stundenlang zu ertragen, da der Geigenton höher und so unangenehmer und schärfer für das Gehör ist. Dann macht es natürlich einen Unterschied, ob du nur zwei Mal in der Woche fünf SchülerInnen unterrichtest oder fünf Mal in der Woche zehn SchülerInnen. Auch das Alter macht einen Unterschied. Je jünger umso schwieriger ist es online. Und AnfängerInnen sind nochmal eine andere Herausforderung als solche, die schon viele Jahre bei dir im Unterricht sind.


Du wirst wissen, ob der ein oder andere Punkt aus diesen Texten für deine Unterrichtspraxis von Relevanz ist.


Viele MusiklehrerInnen sagen, dass sie eine ganz andere Perspektive auf den Lehr- und Lernprozess bekommen haben. Vieles, was in Präsenz so nebenbei geht und ganz selbstverständlich ist, indem man es vormacht oder indem man einfach direkt am Körper des Schülers/der Schülerin korrigiert, funktioniert im Distance-Learning nicht. Dafür gibt es andere Dinge, die nicht nur gut gehen, sondern sogar eine sehr gute Entwicklung für den Lern- und Übeprozess fördern.


Was kann man aus dem Distance-Learning als Lernerfahrung mit in den Präsenz-Unterricht nehmen?


a) Was ist die Lernerfahrung in der Kommunikation?

Im Online-Unterricht eignet sich eine sehr einfache und präzise Art der Kommunikation. Eine Ansage aufs Mal genügt. Und dann sofort in der Umsetzung überprüfen, ob sie verstanden wurde.

Im Präsenz-Unterricht merken LehrerInnen oft gar nicht, dass sie die Schüler*innen mit Ansagen überfordern.

Bild: Sigalit Landau: Cello im Toten Meer/Israel mit Salz belegt


Bewusst kann sich ein Mensch nur auf eine einzige Sache konzentrieren. Der bewusste Verstand kann nur seriell arbeiten, d. h. die bewusste Aufmerksamkeit kann sich nur auf eine einzige Sache fokussieren. Also z.B. auf ein spezielles Thema der Bogenhand, auf die Dynamik, den Fingersatz, den Atem oder auf die Körperhaltung.


Wenn die Lehrkraft aber sagt, „beim nächsten Spielen achte im Takt 4 auf den Lagenwechsel und dass du auf dem zweiten Schlag das Akzent nicht vergisst. Wenn du den Bogen weiter unten auf der Seite streichst, bekommst du einen klareren Ton und kannst den schnellen Lauf auf drei leichter hinbekommen. Allerdings musst du dabei denn Ellbogen des linken Arms leicht heben und die Schultern offen und leicht lassen usw.“


So eine Ansage kann nur ein/e Schüler*in umsetzen, der oder die grundsätzlich alles kann und nur ein Hindeuten braucht um entsprechende Automatismen aktivieren zu können.

Wenn es aber drum geht, all diese Details erst zu lernen oder diese noch nicht genügend automatisiert sind, dann ist so eine Ansage nicht umsetzbar.


Deshalb ist das tägliche Üben notwendig, damit die einzelnen Parameter in das automatisierte Körpergedächtnis integriert werden.


Erst dann wird es möglich, in einem sogenannten gleichschwebenden Aufmerksamkeitsmodus zu sein und alle einzelnen hoch komplexen und gut eingeübten Parameter gemeinsam zu aktivieren.


Nur was automatisiert, also schon sehr gut eingeübt ist, kann man gleichzeitig umsetzen.


Merke:

Bewusst können deine Schüler*Innen nur eine Ansage verstehen und umzusetzen. Wenn diese dann eingeübt und im Körpergedächtnis gespeichert ist, kann die nächste neue (bewusste) Lerneinheit die Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nehmen.


Übrigens:

Bewusstes Multitasking können Frauen genau so wenig wie Männer!

Bewusste Gedankenprozesse arbeiten ausschließlich seriell!

Nur unbewusste Prozesse können parallel arbeiten!


Wenn du all deine Spielkompetenzen so automatisiert hast, dass du sie unbewusst beherrscht, dann kannst du gleichzeitig dein Instrument spielen, dein Orchester dirigieren und dabei noch deinem Publikum zuzwinkern. Während du selbst spielst, klopfst du mit dem linken Fuß den Takt, schaust auf die Noten, gibst mit dem Kopf Einsätze und vieles mehr. Alles kein Problem für einen geübten Musiker*in.

Fazit:

Ob im Distance-Learning oder in Präsenz, du tust deinen eigenen Nerven und dem Erfolgsgefühl deiner SchülerInnen Gutes, wenn du wenige Themen pro Unterrichtseinheit ganz präzise besprichst. Und zwar immer nur ein Thema, bis dieses nicht nur verstanden, sondern auch entweder im Körpergedächtnis automatisiert oder ins allgemeine Verständnis integriert ist.


Stichworte:

Parallele automatisierte (unbewusste) Prozesse, serielles Arbeiten von bewussten Prozessen, Multitasking, Kommunikation.


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